Das Lied der Linde

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Das Lied der Linde, gefunden um 1850 im hohlen Stamm einer 1200-jährigen Linde in Staffelstein im Frankenland, am Hohlwege, der gegen den Staffelberg führt. 

Es erzählt die Geschichte und die Zukunft Deutschlands.

Der alten Linde Sang von der kommenden Zeit.

1.

Alte Linde bei der heil´gen Klamm,

Ehrfurchtsvoll betast´ ich deinen Stamm:

Karl den Großen hast du schon gesehn,

Wann der Größte kommt, wirst du noch stehn.

2.

Dreißig Ellen mißt dein grauer Saum,

Aller deutschen Lande ältster Baum!

Kriege, Hunger schautest, Seuchennot,

Neues Leben wieder, neuen Tod.

3.

Schon seit langer Zeit dein Stamm ist hohl,

Roß und Reiter bargest einst du wohl,

Bis die Kluft dir deckte milde Hand,

Breiten Reif um deine Stirne wand.

4.

Bild und Buch nicht schildern deine Kron´,

Alle Äste hast verloren schon

Bis zum letzten Paar, das mächtig zweigt,

Blätterfreudig in die Lüfte steigt.

5.

Alte Linde, die du alles weißt,

Teil uns gütig mit von deinem Geist,

Send ins Werden deinen Seherblick,

Künde Deutschlands und der Welt Geschick!

6.

Großer Kaiser Karl, in Rom geweiht,

Eckstein sollst du bleiben deutscher Zeit:

Hundertsechzig Siebenjahre Frist -–

Deutschland bis ins Mark getroffen ist.

7.

Fremden Völkern frohnt dein Sohn als Knecht,

Tut und läßt, was ihren Sklaven recht.

Grausam hat zerrissen Feindeshand

Eines Blutes, einer Sprache Band.

8.

Zehr o Magen, zehr von Deutschlands Saft,

Bis mit seiner endet deine Kraft:

Krankt das Herz, siecht ganzer Körper hin, -–

Deutschlands Elend ist der Welt Ruin.

9.

Ernten schwinden, doch die Kriege nicht,

Und der Bruder gegen Bruder ficht;

Mit der Sens´ und Schaufel sich bewehrt,

Wenn verloren gingen Flint´ und Schwert.

10.

Arme werden reich des Geldes rasch,

Doch der rasche Reichtum wird zu Asch:

Aermer alle mit dem größern Schatz,

Minder Menschen, enger noch der Platz.

11.

Da die Herrscherthrone abgeschafft,

Wird das Herrschen Spiel und Leidenschaft,

Bis der Tag kommt, wo sich glaubt verdammt,

Wer berufen wird zu einem Amt.

12.

Bauer kaisert bis zum Wendetag,

All sein Mühn – ins Wasser nur ein Schlag:

Mahnerrede fällt auf Wüstensand,

Hörer findet nur der Unverstand.

13.

Wer die allermeisten Sünden hat,

Fühlt als Richter sich und höchster Rat. -–

Raucht das Blut, wird wilder noch das Tier,

Raub zur Arbeit wird und Mord zur Gier.

14.

Rom zerhaut wie Vieh die Priesterschar,

Schonend nicht den Greis im Silberhaar.

Ueber Leichen muß der Höchste fliehn

Und verfolgt von Ort zu Orte ziehn.

15.

Gottverlassen scheint er, ist es nicht;

Felsenfest im Glauben, treu der Pflicht,

Leistet auch in Not er nicht Verzicht,

Femt den Gottesstreit vors nah´ Gericht.

16.

Winter kommt, drei Tage Finsternis,

Blitz und Donner und der Erde Riß.

Bet daheim, verlasse nicht das Haus,

Auch am Fenster schaue nicht den Graus!

17.

Eine Kerz, die ganze Zeit, allein

Gibt, wofern sie brennen will, dir Schein.

Gift´ger Odem dringt aus Staubesnacht:

Schwarze Seuche, schlimmste Menschenschlacht!

18.

Gleiches allen Erdgebornen droht,

Doch die Guten sterben sel´gen Tod;

Viel Getreue bleiben wunderbar

Frei von Atemkrampf und Pestgefahr.

19.

Eine große Stadt der Schlamm verschlingt,

Eine andere mit dem Feuer ringt.

Alle Städte werden totenstill,

Auf dem Wiener Stephansplatz wächst Dill.

20.

Zählst du alle Menschen in der Welt,

Wirst du finden, daß ein Drittel fehlt, -–

Was noch übrig, – schau in jedes Land –

Hat zur Hälft verloren den Verstand.

21.

Wie im Sturm ein steuerloses Schiff

Preisgegeben einem jeden Riff,

Schwankt herum der Eintagsherrscherschwarm,

Macht die Bürger ärmer noch als arm.

22.

Denn des Elends einz´ger Hoffnungsstern –

Eines bessern Tages -–ist endlos fern.

„Heiland sende, den du senden mußt“,

Tönt es angstvoll aus der Menschenbrust.

23.

Nimmt die Erde plötzlich andern Lauf?

Steigt ein neuer Sonnenstern herauf?

“Alles ist verloren!“ – hier noch klingt,

“Alles ist gerettet!“ – Wien schon singt.

24.

Ja von Osten kommt der starke Held,

Ordnung bringend der verwirrten Welt,

-Weiße Blumen um das Herz des Herrn –

Seinem Rufe folgt der Wackre gern.

25.

Alle Störer er zum Barren treibt,

Deutschem Reiche deutsche Rechte schreibt.

Bunter Fremdling, unwillkomm´ner Gast,

Flieh die Flur, die nicht gepflügt du hast!

26.

Gottesheld, ein unzerbrechlich Band

Schmiedest du um alles deutsche Land!

Den Verbannten führest du nach Rom,

Große Kaiserweihe schaut ein Dom.

27.

Preis dem einundzwanzigsten Konzil,

Das den Völkern weist ihr höchstes Ziel

Und durch strengen Lebenssatz verbürgt,

Daß nun Reich und Arm sich nicht mehr würgt.

28.

Deutscher Name, der du littest schwer,

Wieder glänzt um dich die alte Ehr,

Wächst um den verschlung´nen Doppelast,

Dessen Schatten sucht gar mancher Gast.

29.

Dantes und Cervantes´ weicher Laut

Schon dem deutschen Kinde ist vertraut,

Und am Tiber- wie am Ebrostrand

Singt der braune Freund von Herrmanns Land.

30.

Wenn der engelsgleiche Völkerhirt

Wie Antonius zum Wandrer wird,

Den Verirrten barfuß Predigt hält,

Neuer Frühling lacht der ganzen Welt.

31.

Alle Kirchen einig und vereint,

Einer Herde einz´ger Hirt erscheint.

Halbmond mählich weicht dem Kreuze ganz,

Schwarzes Land erstrahlt im Glaubensglanz.

32.

Reiche Ernten schau ich jedes Jahr,

Weiser Männer eine große Schar,

Seuch´ und Kriegen ist die Welt entrückt:

Wer die Zeit erlebt, ist hochbeglückt.

33.

Dieses kündet deutschem Mann und Kind,

Leidend mit dem Land die alte Lind´,

Daß der Hochmut mach´ das Maß nicht voll,

Der Gerechte nicht verzweifeln soll.“

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